Folge deinen Träumen: Annette Rosskamp

Mai 24, 2017 | Lebenswege | 2 Kommentare

Annette Rosskamp hat in ihrem Leben schon sehr viele Schicksalsschläge überwunden und ist daran gewachsen.
Heute lebt sie ihre Berufung und arbeitet in einem Kinderhospiz, wo sie Kinder in den letzten Wochen ihres Lebens begleitet.
Auf ihrer Website erzählt sie von „ihren“ Kindern und was diese sie über das Leben gelehrt haben.

Liebe Annette, ich freue mich, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst.

Liebe Sabine, schön, dass ich bei Dir über mich und mein Leben berichten darf, das freut mich sehr.

 

Du bist schon sehr zeitig mit dem Tod in der eigenen Familie und in Deinem Umfeld konfrontiert worden. Wie bist Du damit umgegangen?

Als ich 17 war starb meine Mutter sehr plötzlich, bei ihr wurde im November Krebs diagnostiziert und um Januar des folgenden Jahres verstarb sie mit 46 Jahren.
Da ich mich in der Zeit schon mit den Büchern von Elisabeth Kübler-Ross beschäftigte, habe ich mich schon früh mit dem Sinn des Lebens auseinander setzen können.
Mein Vater verstarb ein paar Jahre später und so machte ich mir viele Gedanken über das Leben und das Sterben eines jeden Menschen.

 

Mit 47 Jahren hast Du noch einmal eine Ausbildung absolviert und Dich danach selbstständig gemacht. Wie kam es dazu?

Ich machte mich mit 47 noch einmal selbstständig, weil ich meine beiden Kinder alleine großzog: So konnte ich in der Selbstständigkeit Muttersein und Beruf gut vereinen und versuchen den Bedürfnissen meiner Kinder, die 13 und 17 Jahre alt waren, so gut wie möglich gerecht zu werden.
Ich konnte mir meine Zeiten selber einteilen und hatte so doch viel Zeit für meine Kinder.

 

Als Versicherungsfachkraft warst Du erfolgreich und doch war da ein Herzenswunsch, der Dich neue Wege gehen ließ. Kannst Du uns davon erzählen?

Ja, der Beruf der selbstständigen Versicherungsfachfrau war der Beruf um die Familie zu ernähren.
In mir brannte schon immer das Gefühl hilfreich für kranke und sterbende Kinder sein zu wollen.
Ich hoffte einfach, dass die Zeit für die Erfüllung dieses Traums einmal kommen würde.
Der Sohn meiner Freundin verstarb mit 10 Jahren an Leukämie, wir hatten ihn lange Zeit der Krankheit begleiten dürfen. Auch das zeigte mir wieder, dass ich einen Weg finden wollte und würde diesem meinem Traum folgen zu können.

 

Auf der Würzburger Kinderonkologie hast Du andere Herzenswünsche erfüllt. Wie war da der Ablauf?

Als ich 2004 aus dem Ruhrgebiet nach Würzburg zog, begann ein neuer Lebensabschnitt. Ich arbeitete in einem Büro als Bürokauffrau, war aber für den Verein Herzenswünsche e.V. im Ehrenamt auf der Kinderonkologie unterwegs, um Herzenswünsche der schwerstkranken Kinder zu realisieren. Das war für mich eine der erfüllendsten Zeiten meines Lebens.
Diese Kinder wurden zu meinen Lebenslehrern. Viele von ihnen wurden gesund, aber auch viele durfte ich dann in den Tod begleiten sowie ihren Eltern und Geschwistern eine Stütze sein.

Ich bin dankbar für diese kostbaren Zeiten mit den Familien, die mich so viel über das Leben, das wirkliche Leben, gelehrt haben.
Lebe jeden Tag, lebe im HIER und JETZT, das war die große Erkenntnis daraus.

 

Mit 55 Jahren hast Du eine Ausbildung für Trauerbegleitung absolviert.

Ich machte eine zweijährige Trauerbegleiterausbildung bei ITA in Hamburg, dem Institut für Trauerarbeit.
In erster Linie wollte ich über die Ausbildung herausfinden wer ich bin. Was sich hinter „meiner“ Trauer verbirgt, was mich ausmacht wenn ich ganz ich bin mit allen Höhen und Tiefen.
Es war so etwas wie eine Sinnsuche zu mir selbst hin. Wer bin ich, welche Aufgabe hat mein Leben, warum begegnen mir diese und jene Menschen. Was kann ich aus diesen Begegnungen, die nicht immer leicht sind und waren, lernen. Und wie kann ich das Gelernte für mich anwenden und auch an andere weitergeben.
Mein Resümee: „ Du bist nur wirklich du, wenn du deinen Schatten kennst und auch deinen Schatten lieben lernst.“
Es braucht Zeit und Mut zu dem abzutauchen, was man in der Kindheit erlebt hat. Welchen Prägungen man in der Familie ausgesetzt ist.
Oft wird man angetriggert und begreift erst später, dass man nicht mehr das Kind ist, welches manchmal der Situation hilflos ausgeliefert war.
Ich habe durch diese Auseinandersetzung mit mir selbst, meinem Inneren und inneren Kind erkannt, dass ich der Regisseur, der Hauptdarsteller und auch gleichzeitig der Statist in meinem Leben sein kann. Ich habe die Wahl ob ich Opfer bin oder Macher des eigenen Lebens.
Der Satz: „Wer schon auf dem Meeresgrund war, der fürchtet keine Pfützen“ trifft da sehr zu.
Ich habe mich gefunden und erkannt, dass ich gut bin mit allem was ich bin, das war das Beste an dieser Zeit der Ausbildung.
Und ich habe gelernt mit den vermeintlich nicht so schönen Eigenschaften meiner selbst zu leben, sie sogar als großes Potential anzusehen.

 

Seit 2011 bist Du ambulant im Kinderhospiz Sternenzelt tätig. Welche Hürden musstest Du bis dahin nehmen?

Ich machte das, was für mich gut erschien, ich lernte mich selber kennen, das stand im Vordergrund.
Mein Herzenswunsch mit kranken Kindern arbeiten zu dürfen brannte weiter in mir, aber das war noch ein weiter Weg.
„Folge deinen Träumen, frag nicht wie du sie erreichen kannst“ war meine Devise.
„Folge deiner Herzensmelodie und alles was du in Liebe tust wird sich finden.“
So versuchte ich mit mir in LIEBE zu kommen, mich schätzen zu lernen. Die anderen Menschen schätzte ich ja schon immer. Und machte alle Berufe (meist kaufmännische) die ich machte, so gut wie ich es konnte und mit Liebe.
So kam es, dass nachdem ich dann noch eine Hospizhelferausbildung gemacht hatte, ich gefragt wurde, ob ich die Verwaltung des Kinderhospizes übernehmen wollte.
Ich wurde mit all den Vorerfahrungen, nachdem ich über 30 Kinder in den Tod begleiten durfte, quasi die Seele des ambulanten Kinderhospizes Sternenzelt.
Ein Traum erfüllte sich und das auch nur, weil ich immer an diesen Traum geglaubt hatte, geglaubt hatte, dass aus Berufung (Herzenswünsche erfüllen und sterbende Kinder begleiten) Beruf werden kann und wird.

 

In unserer Gesellschaft ist der Tod noch weitestgehend ein Tabu. Woraus schöpfst Du bei Deiner Tätigkeit Kraft?

„Meine“ Kinder, die ich durch Herzenswunscherfüllungen begleiten durfte und die ich dann auch in den Tod begleitet habe, sind ein Teil von mir.
Ihre Energie geht niemals verloren.
Meine Arbeit im Kinderhospiz erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich kann der Welt etwas zurückgeben, weil ich voller Demut bin über meine eigene Gesundheit.
Diese kostbaren Erlebnisse mit den sterbenden Kindern haben mir gezeigt, was wichtig im Leben ist.
Wir vergessen zu oft, dass wir alles haben um glücklich zu sein. Ein warmes Bett, genug zu essen, einen gesunden Körper, einen wachen Verstand, Freunde, Familie.
Die Sterbenden zeigen uns, dass wir auch sterblich sind und dass wir in unserem Leben Freude, Liebe und Mitgefühl leben dürfen.
Jeden Tag zu leben als wäre es dein letzter und ihn mit Liebe zu füllen, das ist die wahre Erkenntnis für mich.
Liebe zu mir und zu den anderen und Mitgefühl zu leben wenn wir oder die anderen nicht perfekt sind, denn wir sind nicht hier auf Erden um perfekt zu sein, sondern um zu lernen und um Freude zu haben.

 

Was ist das Vermächtnis „Deiner“ Kinder?

Wie ich es oben schon erwähnt habe ist es das Erkennen, dass wir uns jeden Tag aufs Neue für die Schönheit dieses Lebens entscheiden dürfen. Die Natur, die Tiere, die Blumen und die Kinder machen es uns vor. Nicht immer gelingt es, manchmal hat man eben einen schlechten Tag: Aber sich am Abend drei Dinge aufzuschreiben, die einen am heutigen Tag dankbar gemacht haben, dafür lohnt es sich diesen einen Tag gelebt zu haben.
Wir dürfen mit wachen Augen durchs Leben gehen und weil wir wissen, dass dieses Leben nicht ewig währt, deshalb haben wir die Möglichkeit uns dieser großen Geschenke bewusst werden zu dürfen.
Wer einmal auf einer Kinder-Onkologie war und dort das Lachen der Kinder gesehen hat, obwohl sie so schwer krank sind, der weiß nach dem Besuch wie reich beschenkt er ist mit seinem Leben.
Man nimmt seine imaginären Probleme sofort nicht mehr ernst und fragt sich, wo denn da ein Problem war, gemessen an den Eindrücken, die man durch diese weisen Persönlichkeiten, die man in der Klinik besuchen durfte, bekommt.
Man nimmt sich plötzlich nicht mehr so ernst und wird so demütig und dankbar dem Leben gegenüber.

 

Wo siehst Du Deine Stärken und Talente?

Ich glaube meine Stärke ist mein Gegenüber, den Trauernden, genau so sein zu lassen wie er gerade ist.
Ich will keinen Schmerz wegmachen, vermeiden. Der Mensch soll und darf sich in seiner ganzen Gefühlswelt von mir angenommen und verstanden fühlen.
Mein Talent ist mit dem Herzen sehen zu können, es braucht nicht immer Worte.

 

Was rätst Du Menschen in und jenseits der Lebensmitte, die ihrer Herzensmelodie folgen möchten?

Ich wünschte jeder könnte in sich lauschen und sich ganz ehrlich fragen, was er wirklich tun möchte, wo seine Freude ihm den Weg weist ohne den Verstand mit einzuschalten.

Da, wo dein Herz ganz wild pocht, da wo deine Freude sich vor deinem inneren Auge ganz besonders zeigt, da geht dieser Weg entlang, dein Herzweg.
Egal in welchem Alter man ist, man darf niemals seine Träume aufgeben. Ich bitte alle den MUT zu haben, noch an ihre Träume und an die LIEBE zu glauben: Die Liebe zu allem was ist, was das Herz berührt.
(Ohne meinen Mut, meine Beharrlichkeit diesen Weg zu gehen und immer wieder, trotz Schwierigkeiten, weiter an meine Träume zu glauben, wäre ich nicht hier an dieser Stelle meines Lebens und würde nicht meine kostbare Lebensmelodie hören und ihr folgen können.)
Man findet diese, seine Melodie des Herzens aber nur in der Stille, wenn man lernt sich selber zu lauschen und manchmal oder meistens geht dieser Weg durch das Tal der eigenen größten Ängste.
Wenn man sich denen gestellt hat kann die Melodie sich voll entfalten und sie ist so einzigartig wie der Fingerabdruck eines jeden Menschen.

 

Hast Du ein Lebensmotto?

„Gib niemals deine Träume auf, auch wenn der Weg noch so anstrengend und weit ist. Eine Pause kann auch der Anlauf zum nächsten Sprung sein, der Sprung zu dir selbst.“

 

Wenn Du drei Wünsche frei hätten für Deinen weiteren Lebensweg – welche wären das?
  1.  Ich wünsche mir noch viele Erfahrungen, Erfahrungen und Erlebnisse die mich weiterentwickeln.
  2.  Ich wünsche vielen Menschen, dass sie durch mich ihren persönlichen Weg, ihre eigene Lebensmelodie finden können.
  3.  Ich wünsche mir an meinem Lebensende, dass ich so viel Liebe wie mir möglich war gegeben und auch empfangen habe.
    Ich glaube wir sind nur hier auf dem Planeten Erde, um unsere Liebe und unser Mitgefühl ausreifen zu lassen, die Liebe und das Mitgefühl zu allem, was ist. Zu uns und allen Lebewesen.
    Das ist meines Erachtens unsere wirkliche Lernaufgabe in der Ganztagsschule dieses Lebens.

 

Wie kann man mit Dir in Kontakt treten?

Homepage: www.immerbeieuch.de
Facebook: immerbeieuch
Handy: 0178 2401122

Liebe Annette, ich bedanke mich herzlichst für das wunderbare Interview.
Es hat mich sehr berührt und auch bestärkt an meinen Träumen dranzubleiben.
Für mich bist Du ein Engel für die Kinder und ihre Angehörigen.
Danke für Deine so wertvolle Arbeit.

Einen Besuch Deiner Website möchte ich jedem ans Herz legen – es berührt und macht dennoch Mut, dass Leben bewusster und liebevoller zu gestalten.

Herzlichst,
Sabine

Fotos: Annette Rosskamp

Update 30.11.2020

 


Bild von Mylene2401 auf Pixabay

 

Was hat sich seit dem Interview bei Dir verändert?

Ich ging 2018 in Rente, hörte im Kinderhospiz Sternenzelt (meiner Berufung) auf, um von Würzburg nach Soest zu ziehen. Näher zu meinen erwachsenen Kindern und den beiden Enkelinnen.
Anfang 2017 machte ich eine Ausbildung als Trauerrednerin. Durch Wohnortwechsel und das Beenden meiner Kinderhospizarbeit entstand ein Vakuum in meinem Leben, das
erstmal ausgehalten werden musste. Ich wußte vorher, dass es so sein würde, aber oft fühlte ich mich auch ein bisschen leer und verloren.

Ich wuchs in eine neue Partnerschaft und in ein neues Leben, Tag für Tag ein bisschen mehr, hinein. Aber es braucht auch Zeit irgendwo wieder neu anzukommen.
Man sagt ja die Seele folgt noch nach.
Ich ließ die letzten Jahre Revue passieren und fing als Trauerrednerin in Soest an. Viele trauernde Menschen durfte ich unterstützen, viele Leben von Verstorbenen ehren und in
den Herzen der Menschen durch meine Worte bei der Trauerfeier aufleben lassen.
Ich hielt Vorträge „Die Angst vor die eigenen Sterblichkeit überwinden“ Was wir von sterbenden Kindern lernen können?
Und ging in Berufsschulen, um mit Erzieherinnen Workshops über Trauer von Kindern zu machen. (Leider ist das im Moment nicht möglich)

 

Wie gehst Du mit der aktuellen Krise um?

Die aktuelle Zeit bringt mich manchmal auch am meine Grenzen. Die Gesellschaft ist gespalten in Maskenbeführworter und -gegner. Jeder glaubt im Recht zu sein und es gibt keine Schnittstelle mehr, die die Menschen eint. Das macht mich manchmal sehr traurig. So viel Achtung vor dem Anderen geht dann machen Menschen verloren. Es ist dann nicht immer leicht in Balance und gelassen zu bleiben. Ich bin aber zuversichtlich, dass alles gut wird und die Menschen sich eines Tages wieder in Würde und auf Augenhöhe begegnen werden.
Denn die Liebe und Menschlichkeit ist in uns allen, auch wenn sie manchmal nicht sichtbar wird.

Da ich ja weiß, dass wir sterblich sind und ich mich viel mit dem Thema meiner eigenen Sterblichkeit auseinander gesetzt habe, macht mit diese jetzige Zeit keine Angst.
Leider leben viele Menschen zur Zeit in großer Angst und das verhindert die Schönheit der Welt sehen und auch im HIER und JETZT leben zu können.
Ich schaue es mir von den Kindern ab, wie in meiner Herzenswünsche Zeit, und versuche jeden Tag zu leben und dankbar zu sein für das, was ich habe.

 

Was wünschst Du Dir für Deinen weiteren Lebensweg?

Ich wünsche mir für meinen weiteren Lebensweg, dass ich für viele Trauernde tröstlich sein darf, und, dass ich viele Kinder und Jugendliche ermutigen kann, Trauer als normalen Vorgang des Lebens zu sehen,
wie auch das Glück als ganz normales Gefühl erlebt werden darf. Im Leben wird sich immer Trauer und Glück abwechseln, so wie es auch die Jahreszeiten gibt. Wenn wir erkennen, dass wir Trauer nicht
vermeiden müssen, sondern sie aushalten, durchhalten lernen bis sie wieder gehen darf, dann sind Kinder fit fürs Leben gemacht. Sie wissen dann, dass das Leben immer Wandel und Wechsel ist.

 

Was braucht es, damit Du Dich wohlfühlen kannst?

Menschen, die mich lieben, Menschen die mich nicht bewerten. Menschen, die ich lieben darf, Menschen mit denen ich lachen kann.
Für mich ist es sehr wichtig hilfreich für Trauernde Kinder, Jugendliche und Erwachsene sein zu können.

Lieben und Helfen zu dürfen (somit auch heilen zu dürfen) ist Sinn meines Lebens. Ich bin jetzt 67 und wünsche mir, dass ich das noch sehr lange machen darf.

 

 

2 Kommentare

  1. Was für ein bewegendes Interview!

    Antworten
    • Liebe SAM,

      ja – bewegend und berührend.
      Annette lebt ihren Traum und macht gleichzeitig Mut, auf die eigene innere Stimme zu hören.
      Liebe Grüße,
      Sabine

      Antworten

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